Difficile est satiram non schribere – sagt der Lateiner:

Es ist schwer, keine Satire zu schreiben.

Fangen wie also an mit einer alten Satire – und erzählen sie neu:

Das Huhn kommt zum Schwein: Wir sollten fusionieren, eine gemeinsame Imbissbude aufmachen. Ich würde die Eier liefern, du den Schinken. Der Umsatz ließe sich gewaltig steigern, der Gewinn wäre groß. Schön und gut, gibt das Schwein zu bedenken; aber wenn ich den Schinken liefern soll, muss ich doch vorher sterben.

Das Huhn: Ja – so ist das eben bei einer Fusion!

Als das Huhn so sprach, war es schon zu spät. Längst hatte sich der verführerische Fusions-Gedanke eingenistet. „Auf Augenhöhe“ sollte verhandelt werden. So hatte man sich intensiv mit dem eigenen Profil beschäftigt; hatte aufgelistet, was alles man an prachtvollen Schinken in die Fusion einbringen könnte: Einen blühenden Kindergarten, lebendige Kinder- und Jugendarbeit, Beteiligung vieler junger Familien in der Gemeinde, z.B. bei der Presbyteriumswahl 2000 (mit 23% höchste Wahlbeteiligung in Westfalen!), Diakonie- und Besuchskreis, Seniorentreff, Kreise für Meditation, für Tanz, Singkreis, Kirchenmusiken usw.; eine Menge engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; und dazu große Spenden- und Opferbereitschaft – eine ansehnliche Liste!

Dann geschah das Unglück: Der Hirte verließ die Gemeinde, fand etwas für sich Verlockenderes. Er hatte die Fusion betrieben. Die Zurückbleibenden, allein gelassen, rutschten in sie hinein – und damit in ihren Untergang.

Doch schön der Reihe nach: Noch ahnte das arme Schwein nichts. Den Metzgern ward Schweigen geboten. Aber schon wurden die Messer gewetzt.

Man ließ verbreiten, es gäbe nichts Herrlicheres als eine Fusion! Wir gehörten doch alle zusammen! Was brauche man das in langen Jahren mühevoll erarbeitete Profil und Leitbild? Wozu besondere Gemeindekonzepte? „Eine Gemeinde – eine Kirch- ein Pastor“ – das bringen nur Vorteile, ließe den Umsatz steigen! Ob man das nicht begreife?!

Nein, das Opfer begriff nichts. Aber ihm schwante Unheil. Es spürte, es ging ihm ans Leder. So verlegte es sich aufs Bitten: Seht, wir bringen 25 tausend € im Jahr zusammen, wir können das alles, wir können auch unsere Kirche erhalten. Hohnlachend erwiderte man: Zu wenig! Auf Dauer wird das niemals reichen! Keine Experimente.

Nun gegann das Schwein in seiner Hilflosigkeit zu quieken, zugegebenermaßen laut, überlaut. Es erhob KLage bei den vorgesetzten Stellen; aber die erklärten sich samt und sonders für nicht zuständig. Man bedauere das arme Opfer, man verstehe seine Trauer und seinen Schmerz; aber was beschlossen sei, sei beschlossen. Schließlich wurde die Öffentlichkeit alamiert; ungezählte Bürger, Journalisten und Politiker zeigten Verständnis. Aber helfen konnte man ihm nicht.

Kaum fasslich, dass die Oberhirten bei dem nun folgenden schaurigen Gemetzel nicht eingriffen. Sie sahen zu, ermutigten sogar noch die Metzger. Die Messer wurden also angesetzt. Zuerst schnitt man die Pfarrstelle weg; die sei wegen sinkender Gemeindegliederzahlen leider nicht zu halten. Die weiteren Schnitte folgten: Dem Organisten wurde gekündigt, die Putzstunden reduziert; weggeschnitten wude die Jugenarbeit, der bezirksbezogene Besuchsdienst; die Chorarbeit nach der Pensionierung der Chorleiterin beendet; den langjährigen Rendanten enthob man abrupt und lieblos aller Aufgaben; langjährige Mitarbeiter wurden bedroht, die eigenen bewährten Lektoren beseite geschoben, immer häufiger durch unbekannte ersetzt, die Zahl der Gottesdienste reduziert, an beiden Weihnachtstagen völlig gestrichen. Alte Traditionen, wie z.B. der große Bazar im November, kurzerhand gekappt – zu viel Arbeit. Schlüssel wurden konfisziert, Spiele und Geräte der Jugenarbeitentfernt und an einen femden Ort verbracht, das beliebte Gottesdienstblättchen gestrichen usw.usf.

Der in die Gemeinde entsandte Ersatz-Hirte übernahm zwar bestimmte Funktionen, wollte sich aber nicht als Hirte des Bezirkes verstehen. Nur: Trotz aller Amputationen quiekte das Opfer immer noch, es war nicht zum Aushalten. So fasste man hinter verschlossenen Türen den Beschluss, dem Elend ein Ende zu bereiten. Das Herz jeder Gemeindearbeit, der Gottesdienst, sollte nicht mehr schlagen. Ohne Not, willkürlich wurde ein Tag festgesetzt, von dem an es mit ihm zu Ende gehen sollte. Hübsch drapiert wurde der Beschluss mit der Begründung „Zusammenführung des Gottesdienstlichen Lebens“ – wohlverstanden in der eigenen, der schönsten Kirche Westfalens – und „Beendigung der Parallelstruktur“.

Das war der Todesstoß. Die Fusion war gelungen. Endlich konnte Ruhe einkehren – die Ruhe des Friedhofs.

26.02.07 Chr.Sl.

P.S.: Dieser Text entstand, als die Bitte abgeschlagen wurde, das gottesdienstliche Leben in der Paul-Gerhardt-Kirche bis zum endgültigen Abschluss eines Kaufvertrages zu erhalten. Dank der unerwarteten Initiative einiger Gemeindeglieder konnte es trotzdem noch ein knappes halbes Jahr fortgeführt werden.

Bielefeld, im September 2007

Christoph Seiler