Nach dem lange schwelenden Streit um den Verkauf der Paul-Gerhardt-Kirche hat nun der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß, ein „Machtwort“ gesprochen. Er richtet einen Appell an den Stadtrat, Kultur und Sport, die Medien und den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, ja, an die gesamte Zivilgesellschaft. Die ganze Öffentlichkeit wird also feierlich dazu aufgerufen, „Partei zu ergreifen“ gegen eine kleine Gruppe von engstirnigen, widerspenstigen Leuten, die nicht einsehen wollen, dass hier „die historische Chance bestehe, ein eindeutiges Zeichen zu setzen, dass die Juden wieder einen Platz in der Gemeinschaft der Deutschen, hier also: in Bielefeld – haben“. Dies würde durch die „Besetzer“ verhindert. Ihnen wird zwar nicht (mehr) der Vorwurf des Antisemitismus gemacht, aber doch angelastet, durch ihr Verhalten würde „die historische Chance verspielt“ und “ die Stadt müsse künftig mit diesem Makel leben“.

Das sind hehre Worte. Aber darin liegen auch Drohung, Einschüchterung und erneute Schuldzuweisung. Was wiegt dagegen das „Verständnis dafür, dass Gemeindeglieder entschieden um den Erhalt ihrer Kirche kämpfen“? Was soll es dann bedeuten, dass „die Hand ausgestreckt sei“, wenn man mit diesen Gemeindegliedern „erst reden will, wenn sie die Kirche verlassen haben“, d. h. wenn sie ihr einziges Faustpfand aus der Hand gegeben haben?

Zur „Besetzung“ ist man doch erst geschritten, nachdem monatelang alle mündlichen und schriftlichen Bitten um Anhörung und Berücksichtigung der eigenen Argumente in den Wind geschlagen wurden – und mit der Entwidmung der Kirche am 25. März 2007 vollendete Tatsachen geschaffen werden sollten. Die „Besetzung“ war dagegen die einzig mögliche Notmaßnahme, um die Kirche für eine gottesdienstliche Benutzung offen zu halten, wie sie amtlicherseits bis zur tatsächlichen Übernahme durch einen Käufer zugesagt war.

Durch Mitglieder des „Bevollmächtigtenausschusses“ der Neustadt-Marien-Gemeinde (ein gewähltes Presbyterium existiert z. Zt. nicht) sind weitere Versuche zur Durchsetzung vollendeter Tatsachen gemacht worden, wie: Unbenutzbarmachung der Türen durch Schlösseraustausch, Abschaltung von Wasser, Strom und Heizung, Abschließung der Toiletten u. a. – Dagegen wehren sich nun Gemeindeglieder, die sich zur „Bürgerinitiative für den Erhalt der Paul-Gerhardt-Kirche“ zusammengeschlossen haben. Ihr Anliegen ist lediglich: „Die Kirche soll so lange offen bleiben, bis eine Anschlussnutzung tatsächlich gewährleistet ist“. Außerdem besteht keine Notwendigkeit, die Kirche zu verkaufen, solange die Gemeinde in der Lage ist, das gottesdienstliche und gemeindliche Leben in der Kirche aufrecht zu erhalten, wie es bereits andernorts geschieht, z. B. in der Kreuzkirche in Sennestadt. Dass dieses legitime Anliegen breite Unterstützung findet, wird durch die rege Teilnahme an den täglichen Biebelandachten und an den sonntäglichen Gottesdiensten deutlich, die von unerschrockenen Pastoren gehalten werden, die sich damit allerdings kirchenamtlichen Rügen ausgesetzt haben.

Nicht nur aus den Gemeinden, sondern auch aus der Zivilgesellschaft wird daher immer stärker der Ruf laut, die Amtskirche möge den Konflikt nicht auf bürokratisch-formaljuristische Weise behandeln, sondern, wie es der Kirche angemessen wäre, geschwisterlich und seelsorglich.

Das hätte man von Anfang an tun sollen. Dann wäre die Sache nicht derart eskaliert. Es handelt sich bei den Verkaufsgegnern doch um Gemeindeglieder, die sich für ihre Kirche einsetzen, weil sie das Gottesdienst- und Gemeindeleben in diesem Stadtteil erhalten wollen, und die Verständnis haben für die gegenwärtig notwendigen Sparmaßnahmen der Kirche. So wäre es, wie anderswo, auch hier möglichegewesen, in geduldigen, hörbereiten Gesprächen mit den Betroffenen zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen.

Im Falle Paul-Gerhardt/Neustadt-Marien + Kirchenkreis sind dagegen von beiden Seiten gravierende Fehler gemacht worden, die eine solche Lösung bisher, verhindert haben und stattdessen zu einer eskalierenden Konfrontation führten. In einer solchen Situation kann man doch von den kirchenleitenden Ämtern erwarten, Fehler auch bei sich zu suchen und eine versöhnliche, gemeinsame Lösung anzustreben.

Es muss auch hinterfragt werden, wie es mit der „einmaligen historischen Chance“ eines „herausragenden Zeichens der Verbundenheit“ mit unseren jüdischen Mitbürgern steht. – Erstens gibt es Zeichen der Verbundenheit mit dem Judentum in Kirche und Gesellschaft bei allen verantwortlich Denkenden in Deutschland seit 1945. Es ist zu denken an die Aktivitäten der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, an die Evangelischen Kirchentage, an die Woche der Brüderlichkeit u. a. Es ist zu denken an die zahlreichen Synagogen, die inzwischen in Deutschland gebaut wurden oder im Bau sind, jedesmal mit beachtlicher Unterstützung auch der nichtjüdischen Bevölkerung. Erst vor einigen Jahren war man in Bielefeld bereit, eine evangelische Kirche, die Georgenkirche am Botanischen Garten, in der Nähe des jüdischen Friedhofs, der jüdischen Gemeinde zur Nutzung als Synagoge zur Verfügung zu stellen. Es handelte sich um eine Kirche, deren Pfarrstelle aufgehoben war und in der schon keine Gottesdienste mehr gehalten wurden. Damals kam diese Lösung nicht zustande, weil die jüdische Kultusgemeinde ihre Kaufabsicht zurückzog.

Der Fall Paul-Gerhardt liegt ganz anders. Hier findet ein reges Gottesdienst- und Gemeindeleben statt, die ehrenamtlichen Mitarbeiter sind bereit, ihre Kreise weiter zu leiten, wenn sie das in den kirchlichen Räumen tun können. Viele Gemeindeglieder haben sich schriftlich bereiterklärt, für die Unterhaltskosten, die nicht mehr aus der Kirchensteuerzuweisung gedeckt werden können, aus Eigenbeträgen aufzukommen. Auch erklärte man sich bereit, das Gründstück neben der Kirche für den Neubau einer Synagoge zur Verfügung zu stellen, der nicht mehr kosten würde, als jetzt für den Umbau veranschlagt wurde. Auch andere Grundstücke in Bielefeld wären sicher zu finden.

Ernstzunehmende Teile der jüdischen Bevölkerung Bielefelds würden einer solchen Lösung entschieden den Vorrang geben und haben sich öffentlich gegen die Umwandlung der Paul-Gerhardt-Kirche in eine Synagoge ausgesprochen.

Es ist nicht einzusehen, warum die so vehement angesteuerte Variante die einzige Möglichkeit darstellen soll, zu einer angemessenen neuen Synagoge in Bielefeld zu kommen. Man sollte doch – im Interesse des bisher guten christlich-jüdischen Verhältnisses in Bielefeld – und auch, um weiteren Schaden am Ansehen der Kirche zu vermeiden – von einer Steigerung der Emotion durch großangelegte Aktionen in der Öffentlichkeit absehen und zu einer ruhigen, unvoreingenommenen Beurteilung der Sachlage zurückkehren und eine versöhnliche Lösung in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten anstreben.